Der Rubel rollt

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<b>Die russische Hauptstadt wird zum kleinen Bruder von Las Vegas – in der Kapitale gibt es sogar mehr Spielautomaten pro Einwohner als Ärzte.</b>

Über Tote nur Gutes. „Fjodor Dostojewskij. 1821-1881. Großer russischer Schriftsteller. Leidenschaftlicher Spieler, waghalsig und unglücklich“, steht auf einem kleinen Schildchen unter der weißen Büste des Literaten.

Auf dem Weg zum Spieltisch muss an ihr jeder Gast des Moskauer Casinos „Korona“ vorbei, ebenso wie an Leo Tolstoi („Das Kartenspiel zog ihn an“) und Alexander Puschkin („Ich würde lieber sterben als nicht zu spielen“).

Die Besitzer des eleganten Spielsalons an der Nowy-Arbat-Straße waren offenbar der Ansicht, dass ein wenig höherer Segen ihrer Kundschaft nicht schaden kann und wer dürfte ihn eher spenden als Russlands verehrteste Poeten – allen voran Dostojewskij, Autor des Romans „Der Spieler“.

Leidvolle Roulette-Erfahrungen

In einem deutschen Kurort namens Roulettenburg verfällt der Held darin dem Spiel. Gemeint war Wiesbaden, wo der Schriftsteller 1865 leidvolle Erfahrungen mit dem Roulette gemacht hatte. So weit müssen Dostojewskijs Erben nicht reisen – hat sich doch die russische Hauptstadt in den vergangenen Jahren in ein Spielerparadies verwandelt.

Auf der zentralen Nowy-Arbat-Straße, wo sich Casino an Casino reiht, imitieren bunte Leuchttafeln Las Vegas. Glitzernd lockt das einem Ozeandampfer nachempfundene „Arbat“, mit Armwrestling-Meisterschaften wirbt das „Angara“. 56 Casinos gibt es in der Stadt, womit Las Moskwa dem Vorbild in Nevada recht nahe kommt.

Keine Kleiderordnung

Wer die Moskauer Spielbanken betritt, muss keine Krawatte tragen, Hosentaschen voller Hundert-Dollar-Scheine reichen. Bei Ruski Poker, Punto Banko und American Roulette wechseln des Nachts kleinere und größere Vermögen den Besitzer. Auf Touristen sind die Casinos nicht angewiesen, nicht umsonst ist Moskau Europas Millionärs-Kapitale.

3,5 Milliarden Dollar setzt die russische Glücksspielindustrie jährlich um, einen guten Teil davon in Moskau – das große Geld freilich kommt nicht nur mit den großen Scheinen. Die Masse macht es – und für die Masse gibt es die Spielautomaten. Auf mindestens 50000 wird in Moskau ihre Zahl geschätzt – verteilt auf bis zu 3000 Spielhöllen.

Längst ist ein einarmiger Bandit in Moskau leichter zu finden als ein Lebensmittelladen. Das wird nun auch den Stadtvätern zu viel – womöglich auch deshalb, weil ihnen die städtischen Steuereinnahmen von 52,8 Millionen Dollar aus dem Spielgeschäft unbefriedigend niedrig erscheinen.

Bürgermeister sucht radikale Lösung

„Ich bin für eine radikale Lösung des Problems“, verkündete Bürgermeister Jurij Luschkow kürzlich im Stadtfernsehen, „das ist der reinste Sittenverfall.“ So sehen das auch einige hundert Demonstranten, die vergangene Woche vor das Weiße Haus, die russische Regierungszentrale, zogen – mit Transparenten wie „Hackt den einarmigen Banditen die Hände ab“ und „Wir wollen unsere Jugend nicht verlieren“.

Zusammengetrommelt worden waren die Demonstranten von der Moskauer Filiale der kremlnahen Partei „Einiges Russland“ – weshalb die Forderungen der Protestierer wohl auch eher moderat blieben. Nicht um ein Verbot des Glücksspiels ging es ihnen, sondern um eine städtische Aufsicht über dasselbe.

Kompetenzengerangel

Nach geltender Gesetzeslage haben die russischen Gemeinden keine Mitsprache beim Geschäft mit dem Spiel, Moskaus Bürgermeister Luschkow aber würde nur zu gerne die Kontrolle erlangen. Das Moskauer Stadtparlament verabschiedete deshalb jüngst eine Entschließung, in der die Regierung aufgefordert wird, die Lizenzvergabe den Regionen zu überlassen.

Ursprünglich lag dieses Recht beim Staatlichen Sportkomitee, das die Lizenzen für 1500 Rubel (44 Euro) verscheuerte. Und obwohl zurzeit wegen unklarer Kompetenzen gar keine Lizenzen erteilt werden, schießen immer neue Spielhöllen aus dem Boden.

Mehr Spielautomaten als Ärzte

„Auf 170 Moskauer kommt ein Spielautomat“, klagt Andrej Metelskij, der Vizepräsident des Stadtparlaments, da gebe es pro Einwohner sogar weniger Ärzte. „Stellen Sie sich das Ausmaß dieser Katastrophe vor“, sagt er und verweist auf angeblich 600.000 Spielsüchtige in Moskau.

Vor allem die Jugend sei in erschreckendem Ausmaß infiziert – „sie sitzen und drücken Knöpfe der Videospiele und denken an nichts anderes“. Am liebsten würde Metelskij die Casinos und Spielhöllen ganz aus Moskau verbannen und nur an entlegenen Orten erlauben – „der Arktische Ozean wäre eine Möglichkeit.“

Quelle: <a href='http://www.sueddeutsche.de' target='_blank'>www.sueddeutsche.de</a>

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